Offener Brief an OB Palmer, den Stadtrat und alle Tübinger*innen

Lieber Stadtrat, lieber Oberbürgermeister, liebes Tübingen!

Enorm hohe Mieten, dominante Ladenzeilen und Schaufenster, New Yorker, H&M und dazu viele schicke Modeboutiquen – die Tübinger Innenstadt bietet den Leuten, die es sich leisten können, viele Möglichkeiten für Konsum und Profit. Für alle, die sich diese hohen Preise und Mieten nicht leisten können, oder die einfach keine Lust auf den ständigen Konsum haben, befinden sich vor all diesen schönen Ladenfassaden und Wohnhäusern unsichtbare Schranken.
In einem seit Ewigkeiten leerstehenden Haus in der Gartenstraße, am Tor zu dieser wunderschönen Stadt, wurde eine solche Schranke nun geöffnet. Hier entsteht ein Ort, an dem alle Menschen, unabhängig von der Größe ihres Geldbeutels, ob alt oder jung, von hier oder anderswo, zusammenfinden können.
In einer Ladenzeile, die seit 1998 hinter einer Farbschicht und Holzbrettern versteckt lag, haben wir jetzt ein Café auf Spendenbasis eingerichtet, das von Tag zu Tag gemütlicher wird. Das Haus bietet zahlreiche Möglichkeiten, zum Beispiel für eine Bücherei, einen Umsonstladen, eine Kleidertauschbörse, Jamsessions, Filmvorführungen, einen Treffpunkt für Vereine und politische Gruppen, einen solidarischen Garten und natürlich Raum für Ihre Vorstellungen. Schon jetzt ist hier ein offener Begegnungsort für Menschen aus unterschiedlichsten Kontexten und mit unterschiedlichen Ideen entstanden. Wir laden die gesamte Tübinger Stadtbevölkerung (also Sie alle!) ein, mitzugestalten, was aus diesem Ort werden soll. Das Café wird ermöglicht durch die Unterstützung und tatkräftige Mitarbeit der Besucher*innen, die sich hier in den letzten Tagen eingebracht haben und einbringen. Dieses gemeinschaftliche Engagement zeigt, dass ein großes Interesse der Anwohner*innen besteht, sich an diesem Projekt zu beteiligen und davon zu profitieren.

Wie profitiert die Stadt Tübingen von diesem Projekt?

  • Duch das Schaffen einer Verhandlungsbasis mit den Eigentümer*innen der Gartenstraße 7. „Endlich macht mal jemand was.“
  • Durch die Umwandlung des Gebäudes von einem Mahnmal für Wohnungsleerstand zu einem Aushängeschild für eine vielfältige und tolerante Gesellschaft im Herzen der Stadt.
    • Ein wünschenswertes Symbol in Zeiten politischen Rechtsrucks.
    • Steigert die kulturelle Attraktivität und den „alternativen Flair“ der Stadt.
  • Durch unabhängige Kulturveranstaltungen, die für alle zugänglich sind.
  • Durch einen Raum für Treffen von Vereinen und politischen Gruppen.
  • Durch die Chance, die Tübinger Wohnungspolitik glaubhaft umzusetzen.
    • Signalwirkung gegen Leerstand.
    • Schafft Wohnraum anstatt Verfall.
    • „Die Stadt hat ein Interesse daran, dass ein solches Haus nicht leer steht.“
  • Durch die Möglichkeit für die Stadtbevölkerung, sich aktiv in die Gestaltung ihrer Stadt einzubringen.
  • Durch die Übernahme städtischer Verantwortung seitens der Bevölkerung.
    • Ziviler Ungehorsam dort, wo die Hände der Amtsträger*innen gebunden sind.

Was kann die Stadt tun?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie sich die Stadt im Bezug auf dieses Projekt verhalten könnte. Uns fallen dazu einige Vorschläge ein:

  • Die Stadt erwirbt das Grundstück der Gartenstraße 7, sowie das darauf stehende Haus und vermietet entweder an soziale Initiativen oder verkauft es an diese weiter.
  • Die Stadt erwirbt das Grundstück der Gartenstraße 7 und vergibt dieses in Erbpacht an eine soziale Initiative. Hier stellen wir uns eine Initiative des Mietshäuser Syndikats (MHS) vor, welches das Haus von den Eigentümer*innen erwirbt.
  • Die Stadt vergibt einen Direktkredit mit niedrigen Zinsen an die Initiative des MHS, um diese beim Kauf des Hauses zu unterstützen.
  • Zur Ermittlung des Kaufpreises wird ein Gutachten von der Stadt erhoben, mit dem Ziel, das Haus nicht über ein Bieterverfahren erwerben zu müssen.
  • Die Gartensia wird geräumt und Marktmechanismen bestimmen über die weitere Verwendung des Hauses. Ein solches Vorgehen würde all die vorangegangenen Möglichkeiten sehr unwahrscheinlich machen und erneut auf unbestimmmte Zeit zu Leerstand führen.

Wir möchten gerne mit der Stadt über diese Optionen ins Gespräch kommen und gemeinsam die Zukunft der Gartenstraße 7 gestalten.

Was können Sie tun? / Was kann ich tun?

Es gibt vielfältige Möglichkeiten, an dem Gestaltungsprozess der Gartensia teilzuhaben, wie zum Beispiel:

  • Kulturelle Programmbeiträge vorschlagen (Workshops, Performances, Vorträge, etc.).
  • Sachspenden für den entstehenden Umsonstladen.
  • Know-How in Instandhaltungsfragen.
  • Essensspenden, Kuchen für das Café (am liebsten vegan).
  • Baumaterialien (nach Absprache).
  • Einfach vorbeikommen!

Wir appellieren an Sie als politisch Handelnde, sich für die Schaffung sozialen
Wohnraums einzusetzen und sich mit Ihren Ideen in der Gartensia einzubringen.

Wir hoffen auf einen konstruktiven Dialog mit der Stadt und den Eigentümer*innen auf Augenhöhe. Wir laden Sie alle herzlich in die Gartenstraße 7 ein, um dieses Haus bei Kaffee, Tee, Konzerten oder Vorträgen mit uns zusammen erneut mit Leben zu erfüllen.

– Ihre Gärtner*innen

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